Maria Braun

Roberto und ich hegen beide eine ausgeprägte Vorliebe für jene Musik, die in den klassischen Softpornos der 70er Jahre für Atmosphäre sorgt. Genannt sei vor allem “Bilitis” von David Hamilton, dessen süffiger Synthie-Soundtrack bis heute stilbildend ist. Aber auch der Original-Vorspann zur “Astro-Show” mit Elisabeth Tessier oder das ekstatische Kuschelsaxophon eines Gato Barbieri gehören in diese Welt der Hingabe, der Zartheit und des brennenden Verlangens, der wir beide uns zu zugetan fühlen. Also legten wir los, gaben unserem Pornoprojekt den Arbeitstitel “Eau de Parfum”, plünderten die hinteren Reihen unserer Video-2000-Sammlungen, sammelten Klangbeispiele und nahmen die ersten Stücke auf. Gleichzeitig machten wir uns auf die Suche nach einer Sängerin. Beide verehren wir Jane Birkin, und so durchstöberten wir unseren Bekanntenkreis zunächst nach tauglichen Französinnen, später auch nach Italienerinnen, sehnsüchtig nach jener Stimme fahndend, die unserem musikalischen Liebesabenteuer ein unverwechselbares Gepräge geben könnte. Lange wurden wir nicht fündig. Eines Tages jedoch besuchte Roberto ein Parfümfachgeschäft in der Münchener Innenstadt und ließ sich von einer bestrickenden, betörenden, umwerfenden Fachverkäuferin beraten. Bereits nach wenigen Minuten unterbrach Roberto das Verkaufsgespräch, um seinem Gegenüber unser Vorhaben zu präsentieren. Maria Braun, gebürtige Russin aus Simferopol, bekundete sogleich ihr Interesse. Bereits wenige Tage später trafen wir uns zu dritt im Hobby-Tonstudio und gingen ans Werk. Nie haben Roberto und ich eine Person erlebt, die ihr Debüt als Recording Artist leichtfüssiger, präziser, inspirierter, überzeugender absolvierte als Maria Braun. Der eigentliche Clou sind ihre Texte: Im einen Stück deklamiert sie ein Kochrezept, im nächsten Verhaltensmaßregeln für Tankstellenbesucher, des weiteren verliest sie eine kurze Zeitungsmeldung über einen Blindgängerfund in Simferopol, einen Beipackzettel über Risiken und Nebenwirkungen eines Potenzmittels, und schließlich beklagt sie sich darüber, dass jemand ihren Joghurt aus dem Kühlschrank stibitzt hat: “Wie konntest Du nur!” (Kak ti mog!”). A Star is born: Maria Braun. Ob wir mit unserer Pornoplatte an Serge Gainsbourg oder Francis Lai herankommen, wissen wir nicht, was wir jedoch wissen: Dies ist unser bestes Album.