Elvis‘ Filme (3) „Jailhouse Rock“

Oktober 1957. Was für ein kapitaler Schritt nach vorne! Durfte Elvis in seinen ersten beiden Filmen höfliche Landeier spielen, sympathisch, aber nicht gerade überbelichtet, so vertraut man ihm in „Jailhouse Rock“ die Rolle eines gerissenen Rüpels an, dessen Aggressionspotential ihn gleich zu Beginn des Films hinter schwedische Gardinen bringt. 

Vince Everett trägt Buntfaltenhosen bis zum Bauchnabel und erfüllt auch sonst höchste Coolness-Ansprüche. Gut möglich, dass Jim Jarmusch und John Lurie diesen Elvis im Kopf hatten, als sie die Rolle des Zuhälters Jack in „Down by Law“ konzipierten. Vince Everett kann singen, und unter der Anleitung der Promoterin Peggy (Judy Tyler) wird er, nachdem er das Gefängnis verlassen hat, zum Star. Nicht nur eine fähige Geschäftsfrau bietet der Plot, sondern auch ein eher unfähiges Starlet, insofern ähnelt „Jailhouse Rock“ seinem Vorgänger „Loving You“. Doch während die Schwäche des schwachen Geschlechts dort mit tölpelhafter Dosenwurftechnik untermauert wird, scheitert das Starlet diesmal beim Poolplantschen mit dem King an der Kulturtechnik „Toter Mann“. 

Vince Everett wird von seiner Knastvergangenheit eingeholt; sein Zellengenosse taucht auf, mit den ihn eine geschäftliche Vereinbarung verbindet. Er demütigt seinen alten Buddy, der wehrt sich körperlich, und Elvis hält, als Ausweis seiner Persönlichkeitsentwicklung, nach der rechten auch die linke Wange hin. Die Bergpredigt-Taktik verleiht Elvis einerseits die attraktive Aura der Heiligkeit, bringt ihn jedoch andererseits auf die Intensivstation, was wiederum den ausgebooteten Knastologen zur Einkehr bewegt. Am Ende trumpft der Film so mit einer doppelten Läuterung auf, und der heilige Elvis entscheidet sich diesmal progressiv: für die emanzipierte Managerin und gegen das abgesoffene Starlet. 

Fortschrittlich präsentiert sich auch das Elternhaus der Promoterin; man hört komplizierten „Third Stream“ – Jazz à la Gunther Schuller und ist keineswegs empört, dass die Tochter in einen Totschläger verknallt ist. So schwarz-weiß die Bilder, so differenziert die moralische Betrachtung, die jedoch schlussendlich in ein entschlossenes „Ja, der Mensch ist zu Gutem fähig“ mündet; „Jailhouse Rock“ nimmt hierin den philanthropischen Optimismus der 60er Jahre vorweg. Elvis Presley ist mithin, und jetzt erlaube ich mir, unsachlich zu verkürzen, ein Wegbereiter Willy Brandts. 

Traurig hingegen, dass Judy Tyler kurz nach den Dreharbeiten bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam. Elvis Presley schaute sich den fertigen Film daher nie an, ebenso wie seinen Vorgänger „Loving You“. In jenem nämlich hatten seine Eltern als Komparsen mitgewirkt, und kurz darauf war seine Mutter gestorben. Huch; liegt etwa ein Fluch auf Elvis‘ Filmen? Und spielt er auch im nächsten Streifen ein Gesangstalent, das ein weiblicher Colonel Parker an die Weltspitze führt?

Nicht nur filmisch und gesellschaftspolitisch, sondern auch musikalisch steht „Jailhouse Rock“ für Fortschritt: Mit diesem Film begann die Zusammenarbeit zwischen Elvis und dem Urheberduo Jerry Leiber/Mike Stoller, auf deren Wirken ein Gutteil der klassischen Rock’n’Roll-Hits zurückgeht. Fazit: Ein auch heute unbedingt überzeugender Film, der keineswegs auf seine bekannteste Szene, die brillanten Kittchenchoreographie des Stücks „Jailhouse Rock“ (Bierbänke als Tanzutensil! Pfiffig!) reduziert werden sollte. „Flippy. Real flippy.“ (Im deutschen Untertitel mit „dufte“ übersetzt).