Baroque

Am Anfang war die Gewissheit, dass Barockperücken Roberto und mir ausgezeichnet stehen. Diese Erkenntnis beruht auf der Fotomontage, die mein musikalischer Kompagnon mir eines Tages in den Elektroposteingang legte (und die heute das Cover des vorliegenden Albums ziert). Schnell war klar, dass wir ein musikalisches Konzept entwerfen sollten, dass das häufige Tragen derartiger Kopfschmucke rechtfertigte. Zunächst kaufte ich via eBay das Cembalo eines Dresdner Kirchenmusikers. Das Instrument der Firma Lindholm atmet den Geist der späten DDR. Es ist äußerlich mit feinem Kunstholz furniert, das wahrscheinlich schon abzublättern begann, als der antiimperialistische Schutzwall noch tiptop funktionierte. Der Verkäufer wies besorgt darauf hin, dass es sich um ein Schülerinstrument handelte, dass professionellen Ansprüchen kaum genügen würde – Eine Einschätzung, die Roberto und ich nie teilen konnten. Nach der Lieferung bestellten wir zunächst einen Klavierstimmer, der uns in den Umgang mit Cembali einwies. Als ich ihn darauf aufmerksam machte, dass man heutzutage für 3,99 Apps kaufen kann, mit denen man auch Tasteninstrumente der Vorklassik in Bestqualität stimmen kann, seine Arbeit mithin fortan überflüssig ist, war er schwer getroffen und musste von uns bei einem Heissgetränk getröstet werden.
Wir hatten nun Perücken und das dazu passende Instrument – Die wichtigsten Fragen waren also geklärt. Was noch fehlte, war das Repertoire. In Anbetracht unserer nachlassenden Gedächtnisleistung konzentrierten wir uns zunächst auf das Einüben kurzer Stücke (XYZ), fühlten uns aber noch nicht künstlerisch befriedigt. Wer A sagt, muss auch B sagt, und zwar B wie Bach, war unsere Konklusion; wir beweisen uns und der Welt, was wir für tolle Hechte sind und studieren eines jener Stücke ein, für die damals Cembali gebaut und Perücken geknüpft wurden. Nichts wie rüber zu Noten Hieber, kurze Beratung, und dann gingen wir mit einem Stapel Noten unterm Arm nach Hause, um zu üben. Wochenlang sahen wir uns nicht, prügelten uns daheim unsere Stimmen der Sonate h-Moll von JSB in die Birne, was unsere häuslichen Frieden auf eine harte Probe stellte. Schliesslich war es soweit, und wir nahmen den ersten Satz in einem Rutsch auf. Das Ergebnis hat zwar mit der absoluten Weltspitze wenig zu tun, machte uns aber dennoch sehr stolz. Leider fand sich in unserem Freundeskreis niemand, der bereit war, auch nur höflichkeitshalber das Stück zu Ende zu hören, geschweige denn uns wenigstens für unsere Einübeleistung zu loben. Alles, was wir ernteten, waren verständnislose Blicke. Mittlerweile sind wir abgehärtet und sehen es auch Ihnen, liebe Hörer, selbstverständlich nach, wenn sie nach kurzem Reinhören gleich zu Titel 2 weiterskippen. Zur Entschädigung kredenzen wir Ihnen anstelle des zweiten Satzes eine mild barockisierte Version der Timm-Thaler-Melodie von Christian Bruhn. An die TV-Serie mit Tommy Ohrner und Horst Frank lassen sich ausnahmslos alle Angehörigen unserer Generation gerne erinnern, ebenso wie an Flipper, den Freund aller Kinder. Die zwischenzeitlich aufgekommene Idee, ein Album ausschließlich mit TV-Melodien im Barock-Gewand zu veröffentlichen, wurde von mehreren Major-Plattenfirmen abgelehnt. Begründung: viel zu barock. Immerhin provozierten die Antwortbriefe der Plattenbosse die Idee, ein eigenes Label zu gründen. Um die vorliegenden Aufnahmen abzurunden, versuchten wir uns an einem Spagat, der jede rhythmische Sportgymnastin alt aussehen lässt: Avantgarde der 60er trifft auf Rüttgers-Club-Werbung, Coltrane auf Kinderlied. Warum wir meinen, dass ausgerechnet diese Stücke Perücke tragen sollten, frage man uns bitte nicht. Unsere “Barock-Classics”-Auswahl ist gänzlich subjektiv. Was wir allerdings wissen, ist: Dieses ist unser bestes Album. Viel Vergnügen.

P.S.: Schlossbesitzer aufgepasst! Wir spielen auch gerne bei Ihnen. Perücken und Flöte bringen wir mit, um das Cembalo kümmern bitte Sie sich. Das Stimmen des Instruments ist in unser Auftrittshonorar integriert. Bei Interesse wenden Sie sich bitte an…