21 Lieder, die Tony Marshall nicht singen wollte

„Schöne Maid, hast Du heut’ für mich Zeit? Heia-heia-ho!“ Wer kennt und liebt ihn nicht, diesen klangvollen Klassiker der konkreten Kontaktanbahnung; Roberto und ich jedenfalls sind übergroße Fans von Tony Marshall, diesem deutschen Tom Jones, und um unseren großen Traum Wirklichkeit werden zu lassen, nämlich einmal im Leben ein gemeinsames Album mit dem leibhaftigen Schwarzwald-Tiger einzuspielen, scheuten wir weder Kosten noch Mühen. Die Annahme, dass der afrikanische Funk der frühen siebziger Jahre ein stilistisches Flussbett sei, in dem die kreativen Wasser eines Tony Marshall besonders stromschnellenarm in den Ozean des Erfolg abfließen würden, geht auf eine geniale Eingebung zurück, derer sich mein Freund Roberto bei einer Safari in Uganda erfreute. Eines Abends blinzelte er in den glutroten Sonnenball am Savannenfirmament und bewunderte einen kreischenden Schwarm kenianischer Brandgänse, als sich plötzlich ein riesiger Elefantenbulle von hinten näherte, meinen Freund überraschend packte und zärtlich mit dem Rüssel herzte. Ein Jahr später waren 21 freaky Funk-Burner fertig komponiert und drei Dutzend Bittbriefe nach Baden-Baden verschickt. Schließlich war unser Held eingeknickt und hatte Roberto und mich eingeladen, auf dass wir uns und unsere Playbacks vorstellten. „Komm lass’ Dich zur Begrüßung knuddeln“ lachte er und bot uns griechische Schafskäsespezialitäten an. Die Testaufnahmen in seiner Villa verliefen dann ganz anders als erwartet: der Schlagerpatriarch beschränkte sich auf wenige, gezielt gesetzte Einwürfe und vertraute ansonsten auf die Kraft der Pause. Auch Stille kann mitreißen. In diesem Sinne: Gut gebrüllt, du König der Löwen. An unserer glühenden Verehrung kann seine ab und zu bewundernswert diplomatisch formulierte Skepsis jedenfalls nichts ändern. Für uns ist und bleibt er einer der „Big Five“, wie wir Großwildjäger zu sagen pflegen, oder, nein, ich korrigiere, er ist und bleibt: The one and only: Tony Marshall. Und solltet Ihr, liebe Leser, eines Tages nach Baden-Baden kommen, besucht bitte seine prächtig sortierte Galerie, in der XX-Strasse XX. Dort hängen Fotos, die unser Idol in all seinen Schaffensperioden zeigen – als jungen Tenor am Freiburger Konservatorium, in der ZDF-Hitparade, als Tevje, den Milchmann im Musical „Anatevka“ (seine Lieblingsrolle), oder gemeinsam mit seinem angelsächsischen Cousin Tom Jones. Ob jenes Foto, das unser CD-Cover ziert, auch dereinst dort hängen wird, wissen wir nicht – was wir jedoch wissen: Dies ist unser bestes Album.