Neon

Am Nachmittag des 25. Juli 2000 sitze ich am Steuer meines PKW auf der B17, bundesweit bekannt als „Romantische Straße“, und passiere gerade den Fliegerhorst Lagerlechfeld. Tüdelüdelüt, mein Autotelefon klingelt. „Wigald, jetzt musst du sehr, sehr stark sein“, höre ich meine Managerin Gaby sagen, „in Paris ist heute eine Concorde abgestürzt, und dein Lied über Sex an Bord der Concorde kann momentan unmöglich veröffentlicht werden“. Ich schlucke trocken und fahre rechts ran, äußere mein Entsetzen über die Katastrophe, mein Mitleid mit den Hinterbliebenen, und dann frage ich: „Willst du damit sagen, dass all die Arbeit völlig umsonst war?“ – „Ganz genau“, bescheidet Gaby, „ich habe den Termin morgen bei der EMI bereits abgesagt“. Der EMI wollten wir nämlich „Neon Midi 84“ vorstellen, mit dem Titel „Concorde“ als klingender Gallionsfigur. „Neon Midi 84 war ein Konzeptalbum, das die stilistischen Eigenarten der 80er Jahre gleichsam im musikalischen Rückspiegel begutachtete.
Dieser Forschungsarbeit hatte ich mich gemeinsam mit dem Regisseur Matthias Edlinger, seiner Freundin Nina und meinem alten Kumpel Jeopard (Co-Produzent von „Die Doofen“) gewidmet, und das Ergebnis betörte uns sehr – und betört uns bis heute. Zwei Wochen vor dem Flugzeugunglück hatten wir das Konzept bereits einer großen Plattenfirma angeboten, der BMG Ariola. Reaktion: „Solche Sounds will doch niemand mehr hören“ (Die „80er-Show“ von Olli Geissen ging erst 2002 auf den Sender). Nun ja, von dieser Kritik hatten wir uns nicht entmutigen lassen, der Flugzeugabsturz jedoch raubte uns den Elan, und geschockt löste die Band sich noch am selben Abend auf.
Das Stück „Concorde“ wanderte in den Giftschrank, unterste Schublade, reserviert für besonders verunglückte Spezialfälle, und erst 10 Jahre später diskutierten Matthias Edlinger und ich, ob und wie man unsere musikalische Huldigung an das schnittigste Fluggerät, das der Mensch je geschaffen hat, hörbar machen kann. Heute liegen drei fertig produzierte Titel vor, nämlich neben „Concorde“ die New-Wave-Knüller „Neongirl“ und „Liebe im Atomreaktor“ – das Restrepertoire ist in der Demoversion beigefügt – es sollte erst nach der Startfreigabe durch eine Plattenfirma getunt, geschliffen und poliert werden. Aus heutiger Sicht ist dies kaum nötig – gerade die groben Skizzen besitzen ein holzschnittartiges Flair, das zum Geist der 80er mindestens so gut passt wie der Fliegerhorst Lagerlechfeld zur Romantischen Straße.
Ob wir uns auch heute, 12 Jahre nach dem Flugzeugunglück, mit der Veröffentlichung einer groben Geschmacklosigkeit schuldig machen, wissen wir nicht, was wir jedoch wissen, ist: Dies ist unser bestes Album