Good Old India – Good Old Ingria

Ein heißer Tag im Spätsommer 2012. Die Luft flimmert nachgerade tropisch über dem Allacher Asphalt; heute muss sich Deutschland in Sachen Schweißtrieb nicht hinter Indien verstecken. Könnte es einen geeigneteren Tag geben, um sich der Aufnahme indischer Ragas hinzugeben? Wobei Roberto und ich ehrlich gesagt nur rudimentäre Kenntnisse über Aufbau und Binnenstruktur der klassischen indischen Musik besitzen. Macht nichts, wer kennt sich schon mit irgendetwas so richtig aus; bekanntlich zählt der gute Wille, und besserwilligere Zeitgenossen als Roberto und mich wird man kaum finden – egal, worum’s geht. Ausgerechnet heute hat sich Tim Ries in Allach angekündigt, ein alter Kumpel Robertos, Jazzmusiker aus New York City. Die Wartezeit auf den langjährigen Saxofonisten der Rolling Stones verkürzen wir uns, indem wir schon mal eine Bambusflötenmedition auf Festplatte pusten und Tablas, für deren kurzfristigen Erwerb uns der Tag zu schwül ist, durch fingerbeklopfte Zigarrenkisten ersetzen. In der Mittagszeit holen wir dann Tim Ries am S-Bahnhof ab; Roberto hat ihn bereits vorab telefonisch um Amtshilfe gebeten, und so hat unser Gast ein Tarrogato dabei, eine ungarische Klarinette, der man auf den ersten Hör’ eine gewisse subkontinentale Klangqualität beimessen mag. Außerdem hat Tim seine Freundin mitgebracht, die finnische Folksängerin Selina Sillanpää. Im Hobby-Tonstudio angekommen, fragen wir Selina nach der Begrüßungsschorle, ob sie vielleicht auch mitwirken möchte, und sie erzählt uns vom uralten ingrischen Volkslied „Kaikk’ miä ilot unohin“, das einst die Mütter der finnischsprachigen Minderheit in Russland sangen, wenn ihre Töchter das Elternhaus verließen, um zu heiraten. Laut Selina sei das Lied von einem Musikwissenschaftler namens Armas Launis in der winzigen Ortschaft Soikkola dokumentiert worden. Passt prima, befinden wir und nehmen sogleich Raga Nr. 2 auf. Good old India trifft also auf Good old Ingria; für Hobby-Sprachforscher eine dolle Sache, weil die finnische Sprache bekanntlich zu den wenigen nicht-indogermanischen in unserer Weltengegend gehört. Ob man vor diesem Hintergrund hoppla-hopp an einem heißen Tag ungleichere Brüder spontan miteinander verkoppeln kann als Finnland und Indien, wissen wir nicht – was wir jedoch wissen: Dies ist unser bestes Album.