Elvis‘ Filme (1): „Love me Tender“

Aus einer Ferienlaune heraus hat Wigald beschlossen, sich sämtliche Elvis-Filme in chronologischer Reihenfolge anzusehen. Im Alter von 10 Jahren gründete er den „Oldenburg-Osternburger Elvis-Presley-Fanclub“, zu dessen erstem Vorsitzenden er sich selbst bestellte (zweiter Vorsitzender und außer Wigald einziges Vereinsmitglied war sein Klassenkamerad Oliver Heil). In dieser Zeit trug Wigald viele Platten, Bücher und Devotionalien zusammen, die jedoch später auf dem Flohmarkt verkauft wurden (Schande!). Auch den einen oder anderen Film sah er bereits in jungen Jahren; es ist Zeit, dieses cineastische Spezialwissen aufzufrischen. Hier Wigalds Notizen nach Ansicht des Debütfilms „Love Me Tender“: 

Manche Filmkarrieren beginnen unscheinbar, mit Alltagsgeschichten, Hochschuletüden oder diffuser Stilsuche. Elvis hingegen beginnt mit sicherem Gespür für die größtmögliche Anmaßung, nämlich mit einer echten Stunde Null: dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges 1865. 

Die neue Welt liegt in Trümmern, das alte Amerika ist tot, und in seiner allerersten Filmszene pflügt Elvis einen Acker im geschlagenen Süden, bricht die Krume, um eine neue Blüte zu ermöglichen. Elvis spielt in „Love me tender“ den Farmer Clint, einen All American Boy mit sattem Südstaatlerslang, der, nachdem sein Bruder Vance für gefallen gehalten wird, dessen Verlobte Cathy ehelicht. 

Leider ist der Bruder mitnichten tot, kehrt mit einem Sack illegaler Kriegsbeute zurück, dessen Gewicht mit der Schwere seines Herzens zu konkurrieren scheint, als er erfährt, das seine Liebste an den netten Welperich mit der Knutschlippe vergeben ist. Auch die beiden Brüder befinden sich nun in Konkurrenz, und es verschärft die Tragik der Konstellation, dass Elvis seinen Haudegen-Bruder verehrt und nicht ahnt, dass eigentlich jener der Traummann seiner Gattin ist. So kann er ganz unbeschwert seinen Klassiker „Love me Tender“ zum besten geben, abends im Gehöft, gleichsam als Gute-Nacht-Stück, und noch drei weitere Rockabilly-Titel im Kirmes-Arrangement eines fiktiven 19. Jahrhunderts, in dem die Mädchen kreischen, wenn the Pelvis zuckt. 

Elvis‘ musikalische Darbietungen haben mit dem Rest des Films soviel zu tun wie der Werbeblock mit einem SAT1-Filmfilm; insofern ist der Deutsche Titel „Pulverdampf und heiße Lieder“, der beide Zutaten benennt und für sich wirken lässt, ehrlicher als der des Originals. Bemerkenswert an der deutschen Fassung ist ferner, dass Harald Juhnke dem Debütanten seine Stimme leiht; in allen späteren Elvis-Filmen erledigt dies Rainer Brandt, der auch Tony Curtis und Jean-Paul Belmondo synchronisierte. 

Nachdem der große Bruder des einfältigen Farmers mit Elvis‘ Frau flüchtet, gejagt von Häschern, die ihm die Kriegsbeute abluchsen wollen, kommt es zum dramatischen Finale: Elvis schluckt blaue Bohnen, schüttelt ein letztes Mal seine Schmalzlocke und stirbt in den Armen Cathys. Anschließend sieht man ihn per Doppelbelichtung in die Beerdigungsszene montiert, postmortal „Love Me Tender“ singend, was dem Rührwestern einen weiteren Fremdkörper hinzufügt. 

Das schwarz-weiße  Patchwork wurde im Oktober 1956 gedreht, zwei Jahre nach den ersten größeren Auftritten und ein halbes Jahr nach dem ersten Nr.1-Hit seines Protagonisten (Heartbreak Hotel). Zwischen den Szenen meint man Elvis legendären Manager Colonel Parker zu erspüren, wie er in einiger Hast den Plot auf seinen Schützling zurechtschneidern lässt. Klappt knapp, die Saat geht auf, und die Ernte kann eingefahren werden.