Charthits

Ein Album voller Nr. 1 – Hits ist der Traum vieler Unterhaltungsmusiker, und, ganz unter uns: auch Roberto und ich sind in gewissen Lebensphasen nicht frei von der Gier nach gigantischen Hallen, gefüllt mit Teenagertausendschaften, die unsere Texte auswendig mitgröhlen, Supermodels, die hyperventilieren, wenn sie unsere pinken Stretchlimos mit den getönten Scheiben sehen, welche uns vom diamantbesetzten Privatjumbo-Jet zum Bühnenrand bringen. Um uns diesen Traum zu erfüllen, kreierten wir diesen einzigartig erfolgversprechenden Hitreigen und vereinbarten sogleich einen Termin beim Deutschen Ableger der Weltfirma Warner, Krösus in Sachen Chartbusting. Die Chefin der Abteilung „Artist und Repertoire“ spendierte uns Bohnenkaffee und hörte geduldig zu, wie wir unser Anliegen, mit musikalischen Mitteln reich zu werden, vortrugen. Unseren Denkansatz fand sie ausgezeichnet, mit der konkreten Umsetzung war sie jedoch nur partiell einverstanden. So regte sie an, das Modeinstrument Tuba verstärkt einzusetzen, ab und zu Samples aus dem Erfolgsmusical „König der Löwen“ beizufügen, außerdem ein Lied zu komponieren, das sich an unscheinbare, nicht mehr ganz junge Frauen wendet und ihnen versichert, dass der Sänger, also ich, auch sie, also die überlagerten Hörerinnen, heiß und innig liebt. Gute Idee. Musikalisch, so regte ich an, könnten wir uns an „Lady in red“ orientieren, dem Schmuseklassiker von Chris de Burgh. Dass Roberto, der ja von Hause aus Jazzmusiker ist, Chris der Burgh nicht einmal dem Namen nach kannte, hätte mich stutzig machen müssen, jedenfalls misslang die Wunschkomposition der A&R-Chefin so katastrophal, dass sie nach Einsendung des Stücks erst Monate später bündigst absagte und wir das Original aus Scham vernichteten. Ersatzhalber verwendeten wir das Repertoire als Steinbruch für ein anderes Projekt namens „Die leisteste Punkband der Welt“, die es immerhin zu einem Fernsehauftritt im Nachtprogramm bei ZDF-Neo brachte. Ob die Gründung des Hobby-Labels ohne die totale kommerzielle und moralische Niederlage unserer „Charthits“, ohne unsere musikalische „Stunde Null“ überhaupt denkbar gewesen wäre, wissen wir nicht, was wir jedoch wissen: Dies ist unser bestes Album.