Bildpunk

Achtung, Plattitüdenalarm: Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Als ich Anfang der Neunziger Jahre mein Fernsehschaffen begann, meinte man, der gemeine Zuschauer sei in der Lage, einem wie auch immer beschaffenen Beitrag zu folgen, sofern dieser eine Länge von zwei Minuten nicht überschreite. Im Verlaufe der folgenden Jahre nahm diese unterstellte Aufmerksamkeitsspanne immer weiter ab. Der Grund für diese Entwicklung könnte in einer neuro-physiologischen Reaktion auf den technischen Fortschritt liegen; allenthalben werden wir mit kurzen, rasanten Bild- und Tonfluten konfrontiert. Die Frequenz der Einzelreize erhöht sich, und die Dauer der Gesamtanstrengung verkürzt sich, gleichsam umgekehrt proportional – eventuell um eine Überforderung unseres Brägenkastens zu verhindern.
In der Welt der Musik gelten andere Gesetze, jedenfalls, sofern sie nicht als Accessoire hochfrequenter Bildschnittwelten fungiert. Mit Verknappung, Minimalismus, mit der Radikalität des Apercus wird seit Anbruch des 20. Jahrhunderts gespielt. Bereits Anton Weberns “Drei kleine Stücke für Violoncello und Klavier, Opus 11: II”, weist eine Länge von knappen 23 Sekunden auf. Heute, 100 Jahre später, lässt sich alles musikalisch Wesentliche sogar in weniger als 10 Sekunden ausdrücken. Vermuten wir.
Meine erste persönliche Erfahrung mit der Konzentration auf das klingende Konzentrat hatte ich als 11-jähriger Klavierschüler. Auf dem jährlichen Schülerkonzert sollte ich ein 12-Tonstück für Kinder darbieten, “Der Kobold” von Erich Böhlke. Da ich damals (wie heute) unter exzessivem Lampenfieber litt, betrat ich mit Höchstpuls die Bühne, spielte den ersten Ton, erlitt den schwerstmöglichen Blackout, verlor völlig die Orientierung und steuerte gleichsam ohne Umweg den Schlussakkord an. Zuhörer, Eltern, Lehrerin, ich – alle waren peinlich berührt. Aus heutiger Sicht war meine Darbietung sensationell – aber das dem Unglück innewohnende Statement blieb damals unbemerkt.
In den 80ern gab es “The Descendents”, eine Punkband, deren, nun ja, Indie-Hit “I love Food” gerade einmal 16 Sekunden dauerte. Auch John Zorns “Locus Solus”-Album war der Würze der Kürze verpflichtet, und ich biss als Jugendlicher herzhaft an.
Dieser Tradition wollten Roberto und ich nachspüren.
Wie wir darauf kamen, die Überschriften der BILD-Zeitung als Texte zu verwenden, können wir leider nicht mehr rekonstruieren. Auf jeden Fall entpuppten sie sich umgehend als geeignet, zumal unter Punk-Gesichtspunkten. Ebenso wie der klassische Punk mit Niete, Hund und Iro, so fühlt sich auch die Boulevardpresse am Rinnstein daheim. Bereits Ur-Punk Diogenes von Sinope hätte auch als Schlagzeilenkreateur im Hause Springer reüssieren können. Sein “Geh’ mir aus der Sonne” ist als Zeile mindestens so gut wie “Wir sind Papst”.
Als Grundlage dieses Albums diente die BILD-Zeitung, Regionalausgabe München, vom 24. 7. 2012. Unser kürzestes Stück, “Biker” misst gerade einmal 3 Sekunden. Ob wir mit unserem Werk einen Trend hin zu noch kürzeren Stücken auslösen können, wissen wir nicht. Was wir allerdings wissen: Dies ist unser bestes Album. Viel Vergnügen.